Jan 272014
 

Warum Trauernde und Sterbende begleiten?

Sterbende begleitenWas motiviert Sterbebegleiter tödlich Erkrankte und Trauernde zu begleiten? Obwohl Sterbende begleiten keine leichte Aufgabe ist, gibt es viele Interessenten für ein Ehrenamt in diesem Bereich.

Gründe dafür können in der eigenen Biografie und in offenen Lebensfragen gefunden werden. Auch motiviert der Wunsch, sich Dankbar zu zeigen und das eigene Lebensglück zu teilen. Etwas zur Verbesserung der Lebensumstände aller beizutragen und damit die Gesellschaft mitzugestalten bewegt ebenfalls, sich für Alte, Kranke und Trauernde einzusetzen.

Frieden mit dem Schicksal schließen

Lebensbejahende Menschen möchten „das Beste“ aus beglückenden wie aus belastenden Lebenserfahrungen machen. Eine Möglichkeit ist, persönliche Erfahrungen weiterzugeben oder diese zum Wohle anderer einzusetzen. So berichten es häufig Menschen, die sich in der Hospizarbeit engagieren und Sterbende begleiten. Sie kennen schmerzhafte Krankheits- oder Verlusterfahrungen oder die beglückende und intensive Erfahrung, einen Nahestehenden bis zu seinem Tod begleitet zu haben.

Sie haben erlebt, wie kostbar einfühlsamer Beistand oder wie wohltuend die spontane Hilfeleistung eines Mitmenschens war. Sie sind dankbar diese Zuwendung erhalten zu haben oder trotz schwerer Erkrankung weiterleben zu dürfen. Die Überlegung „was war besonders hilfreich und was könnte ich davon anbieten?“ kann zum Wohle anderer in der Hospizarbeit eingesetzt werden.

Vielleicht haben „ehemaligen“ Betroffene aber auch traurige und verletzende Erfahrungen gemacht. Sie sind im Schmerz allein gelassen worden oder haben unsensible Helfer oder Mitmenschen erlebt, die ihr Leid noch verschlimmerten. „Was hätte ich in meiner Not gebraucht?“. Die Weitergabe dessen, was hilfreich gewesen wäre, kann ebenfalls zum Wohle anderer genutzt werden.

In der Hospizarbeit können also erlittene „Wunden“ wie erlebte „Wunder“ zum Schlüssel der mitmenschlichen Hilfsbereitschaft werden. Nachträglich kann so dem Schicksal einen Sinn abgerungen werden. Wenn sich Helfer im Helfen als Handlungsfähig erleben, ergänzen nämlich neue, gute Erfahrungen die schmerzhafte Erinnerung an schwere Zeiten. Manchmal gelingt es auf diesem Weg zu einem neuen Frieden mit dem Schicksal zu finden.

Freundschaften, Fähigkeiten und Erfahrungen gewinnen

Mit jeder ehrenamtlichen Tätigkeit können Menschen neue Einblicke in die Welt und Kompetenzen gewinnen. Im Ehrenamt Hospiz erhalten Sterbebegleiter Einblicke in vielfältige Lebensentwürfe und Biografien. Über Schulung, Supervisionen und Fortbildungen können sie Fähigkeiten wie Teamarbeit, Kommunikation und Wahrnehmung vertiefen. Durch das Einlassen der Hospizler auf persönliches Erleben entsteht in Hospizgruppen schnell ein offenes, vertrauensvolles und freundschaftliches Miteinander, aus dem oft gute Freundschaften hervorgehen.

Lernen fürs Leben

ehrenamtlich Sterbende begleitenAm Sterbebett haben wir die Chance zu erkennen was (im Lebensrückblick) wirklich zählt. So erfahren viele Hospizler wenn sie Sterbende begleiten, wie wesentlich vertrauensvolle und liebevolle Beziehungen für die Zufriedenheit sind. Auch hören und erleben sie, wie der Mut bereichert, wenn Betroffene zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen stehen. Zudem kann deutlich werden, wie wertvoll es sich auf das Lebensresümee auswirkt, wenn Freizeit und Lebensfreunde den Vorrang vor Karriere und der Erreichung von Wohlstand hatten.

Durch diese Erfahrungen können eigene Werte und Lebensentscheidungen hinterfragt und neu gefunden. Menschen, die Trauernde und Sterbende begleiten, können lernen Bedeutsames und Unwichtiges zu unterscheiden. Dadurch finden sie häufig zu mehr Lebensmut und Freude und zu einem erfüllteren Leben.

Sinnsuche

Der Tod ist unergründlich und doch beschäftigt er mit nicht endenden Fragen und Fantasien die Menschheit. Das ist verständlich, denn der Tod kann gleichzeitig den Sinn des Lebens in Frage stellen und dem Leben erst einen Sinn verleihen. In der Begegnung mit Menschen, die Abschied vom Leben oder einem geliebten Menschen nehmen müssen, können Hospizler, die Trauernde und Sterbende begleiten, ein Gefühl für die Endlich- oder Unendlichkeit des Lebens erhaschen. Zudem erleben sie durch die Besonderheit der Beziehung zuweilen eine sehr tiefe und herzliche Verbundenheit mit dem Abschiednehmenden. Dieses Erleben und die Einblicke ermöglichen vielen, sich spirituellen Fragen zu nähern.

Bedeutung erleben

Wenn Hospizler Notleidenden achtsam und wertfrei ihre Hilfe an bieten, erleben sie, dass „allein“ ihr da sein Leid lindert. Der Betroffene spürt, dass er in seinem Leid gesehen wird und fühlt sich in seiner Würde bestätigt. Jemanden in dieser Weise mitfühlend zu begegnen, kann eine zu tiefst sinnstiftende Erfahrung sein, die auch dem eigenen Leben und Dasein eine tiefere Bedeutung gibt.

Beitrag für eine bessere Welt

Es liegt nahe, den eigenen Angehörigen und Freuden am Lebensende und in der Trauer beizustehen. Doch gerade in der Hinwendung zu einem Fremden bieten Hospizler, die Sterbende begleiten, mitmenschliche Solidarität an, die frei von Bewertung und Eigennutz ist. So bereichert die Hospizarbeit gleichzeitig das eigene Leben wie auch das Leben aller. Hospizarbeit trägt so zu mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft bei und ist damit auch ein gesellschaftspolitischer Akt.