Nov 112013
 

Frage:

Guten Tag,

ich bin Hospizlerin und besuche ehrenamtlich ein Ehepaar. Der Ehemann ist sehr hilflos und mit der Haushaltsführung völlig überfordert, denn offensichtlich hat seine schwer kranke Frau immer für alles gesorgt. Nun ist sie bettlägrig und wird sich wohl nicht mehr erholen.

Ursprünglich hatte ich dem Ehepaar W. angeboten, ein- bis zweimal in der Woche zu kommen. Mittlerweile helfe ich dreimal in der Woche. Jedes Mal, wenn ich komme, ist es dem Ehemann schrecklich peinlich meine Hilfe annehmen zu müssen. Er hat ein so schlechtes Gewissen und entschuldigt sich bei mir wieder und wieder. Das ist mir schon unangenehm. Deshalb versichere ich ihm immer wieder, dass er kein schlechtes Gewissen zu haben braucht. Wie kann ich Herrn W. helfen, sein Unbehagen zu überwinden?

Antwort:

Liebe Frau B.

bedauerlicherweise können Sie vermutlich wenig dazu beitragen, dass Herr W. kein schlechtes Gewissen hat, wenn er Ihre Hilfe annehmen muss. Ich bin auch unsicher, ob Sie dies versuchen sollten. Zum einen gilt es in der Hospizarbeit alle Gefühle anzunehmen und der Versuchung zu widerstehen, die hilfsbedürftigen Menschen umzustimmen. Akzeptanz ist eine gute Voraussetzung für mitmenschliche Nähe und eine vertrauensvolle Beziehung. Die freundliche Botschaft, die für den Hilfeempfänger dann spürbar wird, heißt nämlich: „So wie du bist, bist du ok“. Zum Anderen zeigt die Erfahrung, dass wir nur uns selber, kaum aber den Mitmenschen verändern können.

Schließlich gilt es zu bedenken, dass jedes Gefühl seine Berechtigung und seinen Grund hat. Wenn Sie offen für die Beweggründe von Herrn W. bleiben, könnten Sie anstelle einer Beschwichtigung erwidern: „Es fällt Ihnen schwer, meine Hilfe anzunehmen“. Oder: „Die Vorstellung, mich mit Ihrer Arbeit zu belasten, bedrückt Sie“. Oder: „Sie sind verunsichert und fragen sich, ob es mir wirklich Freude macht, Ihnen eine Hilfe zu sein….“

Erlauben Sie mir noch einen Gedankengang. Mir fällt auf, dass Sie schreiben, mittlerweile helfen Sie dreimal wöchentlich. Das erstaunt mich. Herr W. äußerte wiederholt, er habe ein schlechtes Gewissen Ihre Hilfe annehmen zu müssen. Nun bekommt Herr W. mehr Hilfe von Ihnen als ursprünglich abgesprochen war. Vielleicht hat Ihnen seine Hilflosigkeit Leid getan oder Sie wollten ihm zeigen, wie wenig es Ihnen ausmacht zu helfen? Bedenken Sie: Wenn Sie ihm zu viel Arbeit abnehmen, stärken Sie ungewollt seine Hilflosigkeit.

Und wäre es nicht stimmiger gewesen, ihn konsequent beim Wort zu nehmen. Dann könnten Sie fragen: „Wie viel (oder welche) Unterstützung können Sie von mir annehmen, so dass Sie sich damit wohlfühlen und kein schlechtes Gewissen haben?“

Das Wesen der Begleitung ist, an der Seite eines Mitmenschen zu sein und ihn in dem zu stärken, was er für sein Leben und den bevorstehenden Abschied wünscht. Möglicherweise finden Sie über diese Frage ein neues Miteinander, in dem Anderes in den Vordergrund tritt, wie zum Beispiel Gespräche. Sie könnten auch in Erfahrung bringen, ob er gemeinsam mit Ihnen den Haushalt machen möchte? So kann er lernen einen Haushalt zu führen und spürt, dass er in der Lage ist sich selbst zu helfen, auch in der Zeit nach dem Ableben der Ehefrau.