Mrz 172014
 

Missverständnisse

Hilflos am SterbebettEhrenamtliche Sterbebegleiter (wie auch begleitende Angehörige) können sich am Sterbebett leicht verstricken. Sie können dann nicht mehr klar eigene von fremden Lebensthemen unterscheiden. Dieser verstellte Blick ist unproblematisch, wenn er unmittelbar in der Begegnung wieder korrigiert wird. Beispiel: Begleiter: „Ihnen ist kalt! Ich schließe das Fenster.“ Erkrankter: „Ich genieße die frische, kühle Luft…“ Begleiter: „Ach so. Mir ist kühl. Dann ziehe ich meine Jacke an.“ Dauert aber die Unklarheit an, häufen sich Missverständnisse und die Beziehung leidet. Warum Verstrickungen entstehen und wie es gelingen kann, eine Verstrickung wieder zu lösen, beschreibt dieser Artikel.

Hilfe für Angehörige

Verständlicherweise sind betroffene Angehörige in der Sterbebegleitung zunächst meist unerfahren und „ungeschult“. Doch im Idealfall verfügen sie über Zeit, Kurse in einer Angehörigenschule zu besuchen oder sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Vielleicht haben sie auch die Möglichkeit spezialisierte Beratungsstellen oder Hospizdienste aufzusuchen und dort Kraft und Rat zu finden.

Sterbebegleiter

Vor Aufnahme des Ehrenamtes Hospizler ist eine gründliche Vorbereitung, zum Beispiel eine Ausbildung zum Sterbebegleiter sehr sinnvoll. Stellen sich Sterbebegleiter ihren Lebensfragen, Gefühlen und Erlebnissen nicht, so erarbeiten sie sich keinen Schutz davor, in der Sterbebegleitung von eigenen Lebensthemen überrollt zu werden.

Hilflos

Das Erschrecken kann groß sein, wenn persönliche Verlusterlebnisse und Gefühle der Hilflosigkeit oder Ohnmacht überraschend bewusst werden. Leistet der Helfer ohne Besinnungs- und Verarbeitungspause weiterhin Beistand, kann es in der Folge passieren, dass er seine bedrohlichen Gefühle übergehen wird. Er wehrt diese Gefühle dann ab, um handlungsfähig zu bleiben.

Funktionieren ohne zu fühlen

Das Verhalten „funktionieren ohne zu fühlen“ kann gerade für pflegende Angehörige Vorteile haben. So kann trotz großer innerer Not die überlebensnotwendige Versorgung fortgesetzt werden. Ein Nachteil ist aber, dass Begleitern, die sich vor schmerzhaften Gefühlen verschließen (müssen), eine umfassend einfühlsame Begleitung nicht gelingen kann. Zugespitzt könnte das heißen: Helfer lassen den Sterbenden emotional alleine und stehen ihm nicht mehr bedingungslos bei. Diese Haltung ist meist unbewusst. Folgendes Beispiel zeigt, wie die Haltung des Begleiters aussehen könnte: „Wenn du mit mir schöne Erinnerungen teilst, bin ich bei dir, wenn du weinst, verschließe ich mich emotional vor dir.“ Diese Haltung kann die zugrunde liegende Hilflosigkeit des Helfers verstärken. Der Begleitete wird sich aber allein gelassen und einsam fühlen und das Vertrauen zum Begleiter verlieren.

Psychologische Strategien

Es gibt weitere psychologische Strategien, Angstauslösendes abzuwehren. Eine Strategie kann Projektion sein. Dabei „dichtet“ der Helfer aus eigener Not heraus seine Gefühle und Bewertungen dem Sterbenden an, während er glaubt, diese Gefühle und Bewertungen im Anderen wahrzunehmen. Die Gefahr, dass der Sterbebegleiter nun manipulierend ins Leben des Begleiteten eingreift, ist groß. Denn der Trugschluss, die begleitete Person müsse etwas ändern, damit sich das Problem (also die Not des Helfers) löst, liegt nahe. Diese Situation kann anschaulich als „Verstrickung“ bezeichnet werden. Folgendes Beispiel veranschaulicht so eine Projektion. Ein Helfer empfindet das Sterben eines Anderen als unerträglich. Ohnmacht steigt auf und bestimmt den Blick des Helfers, der nun ungeprüft beschließt „Ich spreche die Krankheit und den bevorstehenden Abschied nicht an, das würde mein erkrankter Angehöriger nicht verkraften“.

Professionelle Beratung

Ungeschulte Helfer unterschätzen bisweilen die Bedeutung unterstützender professioneller Beratung, zum Beispiel durch Psychoonkologen und spezialisierte Beratungsstellen. Auch bringen sie in der Regel keine Supervisionserfahrung mit und wissen nicht, wie hilfreich eine klärende Selbstreflexion sein kann. Schließlich neigen sehr engagierte Helfer manchmal dazu, sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Sie versäumen dann, entlastende Gespräche (zum Beispiel mit ehrenamtlichen Hospizlern oder im Freundeskreis) zu suchen, in denen sie ihre Gefühle sortieren und verstehen, sowie sich selbst stärken können.

Checkliste

Ungeschult und im Alleingang können Sterbebegleiter also möglicherweise eigenes Fehlverhalten weder erkennen noch korrigieren. Doch welche Warnsignale weisen darauf hin, dass sich ein Helfer verstrickt hat? Die Checkliste „Anhalte-Punkte in der ehrenamtlichen Sterbebegleitung“ gibt Auskunft.